Nur mehr wäre besser gewesen: Bob Dylan in der Waldbühne

 

Er spielt ja nie viel länger. Aber selten wirkte es so kurz wie diesmal.
Als Bob Dylan in der Waldbühne nach dem Lagerfeuer-Dauerbrenner "Blowing In
The Wind" samt Band das Weite suchte, war es gerademal neun. Und obwohl er
sich zuvor immerhin eineinhalb Stunden lang durch alte und neue Songs
gepflügt hat, war der Großteil des Publikums merklich verstimmt. Von einen
Sommerabend zum Auftakt der Waldbühnensaison 1998 hatten die knapp 10 000
Besucher offenbar mehr erwartet. Vielleicht wäre es für solch einen Event
ratsam gewesen, ein Vorprogramm zu engagieren. Es hätte so mancher
Mißstimmung vorgebeugt.
An Dylan jedenfalls lag es nicht. Dem Grantler, der mit der Nonchalance des
Eigenbrötlers gegen die Last der eigenen Legende ansingt, dessen nicht
enden wollende Tour um die Welt einer Flucht vor dem häuslichen Alltag im
kalifornischen Malibu gleichkommt, ist ohnehin nicht mit Wertungen wie gut
oder schlecht beizukommen. Dylan ist einzigartig: Ein Koloß der Popkultur,
der er nicht sein will; eine Ikone der Protestbewegung, die er nicht sein
will; ein Chronist der politischen Ereignisse, der er nicht sein will. Wie
der 57jährige meist wortlos über die Bühnen der Welt schlurft, das grimmige
Gesicht wie ein Schutzschild ins Publikum hält und mit knurriger Stimme ins
Mikrophon singt, signalisiert er, daß er nur noch der Entertainer sein
will, der sein Lebenswerk einem fahrenden Sänger gleich in immer neuen
Varianten unters Volk streut.
Und kein Konzert ist wie das andere. Dylan kann aus dem Vollen schöpfen,
und er tut es. In der Waldbühne stellte er "Everything Is Broken" vom "No
Mercy"-Album an den Anfang. Er gibt sich rauh, rockig und ungeschliffen.
Und er hat versierte Mitstreiter, die ihm bei den Exkursionen durch seine
bald vierzigjährige Karriere aufmerksam zur Seite stehen: Larry Campbell an
der Gitarre, Bucky Baxter an Mandoline und Pedal-Steel-Gitarren, Tony
Garnier am Baß und David Kemper am Schlagzeug. Mit ihnen macht er "Silvio"
einmal mehr zum phonstarken Rockkracher.
Der Sound im Waldbühnenrund ist von überraschend. klar und Dylan
artikuliert die Songzeilen akkurat wie selten. Man versteht fast jedes
Wort. Im schnieken schwarzen Zwirn mit weißem Cowboyhut posiert er
breitbeinig am Mikrophon, krümmt sich bei seinen spartanischen Gitarrensoli
(er überläßt die meisten elektrischen Saitensprünge dann aber doch Kollege
Campbell), mitunter huscht gar der Anflug eines Lächelns über sein vom
grüblerischen Musikerleben gegerbtes Pokerface. Außer einem kurzen "Danke
euch allen" und der knappen Bandvorstellung kommt kein gesprochenes Wort
über seine Lippen. Die Show gehört ganz seiner Musik, die im Mittelteil mit
akustischen Klampfen und Kontrabaß daherkommt, sonst aber gehörig
elektrisch rockt.
Mit dem Grammy-veredelten "Cold Irons Bound", "Not Dark Yet" und "Love
Sick" gehören gleich drei Songs vom vielgelobten neuen Album "Time Out Of
Mind" zum Programm. Dazwischen: Klassiker wie "Masters Of War", "Dont Think
Twice, Its Allright" oder eine druckvoll pulsierende Version von "Highway
61", die das Konzert nach einer guten Stunde beendet. Immerhin stattliche
vier Zugaben noch, dann findet die "Never Ending Tour"-Audienz bei His
Bobness ihr definitives Ende. Und morgen Malmö.

- Peter E. Müller (Berliner Morgenpost 5 juni 1998)